Retro-Trend bei Hörbüchern:
Kult-Krimis von "Paul Temple" bis "Derrick"Charme, Ironie und Sehnsucht – gleich drei Schlagwörter fallen beim aktuellen Retro-Trend, der das erfolgreichste Hörbuchgenre erfasst hat. Bereits seit Jahren dominiert das Kriminalhörspiel auf dem Markt – jetzt gesellen sich immer mehr "Kult-Krimis" hinzu, die von ihrer Machart her ganz und gar nicht in die heutige Hörbuchlandschaft passen wollen und sich trotzdem oder gerade deshalb erstaunlich gut verkaufen lassen.
20.000 Exemplare hat beispielsweise der Berliner Audio Verlag (DAV) von "Paul Temple und der Fall Margo" abgesetzt, auch der neue "Fall Vandyke" hat schon die 10.000er-Marke überschritten – als Bestseller gilt bereits jede Hörbuchproduktion, die nur eine vierstellige Verkaufszahl erreicht. Die Hörspielklassiker nach Francis Durbridge mit der legendären Stimme von René Deltgen fesselten einst ein Millionenpublikum und haben auch heute nichts von ihrem Charme verloren.
Zehn Paul-Temple-Fälle zum Preis von je 24,95 Euro bringen DAV und Hörverlag abwechselnd heraus. Im "Fall Margo" (Infos: Buchsv.de / Amazon.de) macht Paul Temple im Flugzeug die verhängnisvolle Bekanntschaft eines Amerikaners. Der "Fall Vandyke" (Buchsv.de / Amazon.de) führt uns ins Paris der 50er Jahre und dreht sich um ein verschwundenes Baby und einen mysteriösen Drogenhändler. Im "Fall Gilbert" (B / A) muss ein ermordetes Mädchen seinen Mörder gut gekannt haben, was den Verdacht schnell auf ihren Verlobten lenkt. Der "Fall Curzon" (B / A) handelt von zwei Schülern, die in einem kleinen Fischerdorf spurlos verschwunden sind. "Auch heute noch unwiderstehlich amüsant, spannend und very British!", lobte die Redaktion von "Marie Claire" – auf den Punkt brachte es "Die Welt": "Ein Phänomen."
Das Phänomen Kult-Krimi erklärt DAV-Geschäftsführer Tom Erben: "Es ist ein halb ironischer, halb sehnsüchtiger Retro-Kult. Bei Familie Temple haben alle noch das Herz am rechten Fleck, einschließlich der Verbrecher – keine Seelenabgründe, nirgends. Wir fühlen uns heimelig, ein bisschen wie bei Muttern, die am Sonntagnachmittag zum Kaffeekränzchen bittet." Abgesehen von dieser soziokulturellen Dimension und der Bedeutung der ersten Durbridge-Straßenfeger für die Hörspielgeschichte gebe es noch einen simplen weiteren Grund für den Erfolg: "Die Plots dieser Krimis sind einfach irre gut gemacht. So viel Zeit zum Erzählen nimmt sich heute keiner mehr, schon gar nicht die Fließband-Krimiware im Vorabendfernsehen."
Hinzu kommt die damals modernste Aufnahmetechnik, die echte akustische Räume geschaffen hat: Die Schauspieler laufen über Kies und Treppen, schießen "live" mit Schreckschusspistolen – heute wird das Tonmaterial meist einfach digital beigemischt. Bei "Paul Temple" ist regelrecht zu hören, dass René Deltgen und seine Mannschaft dabei eine Menge Spaß gehabt haben müssen.
Beim DAV hat man in der Ausstattung der Hörbücher bewusst auf den Kultfaktor gesetzt: "Wir bedienen eine Ästhetik, die gerade auch junge Hörer anspricht", so Tom Erben, "also poppige Farben, starke grafische Flächen und eine Typografie, die die 60er Jahre zitiert – das bildet einen geschlossenen Seriencharakter für ein breites Publikum."
Ähnlich erfolgreich ist die brandneue Sherlock-Holmes-Edition des Verlags mit sechs Hörspielen des Bayerischen Rundfunks aus den 60er Jahren mit Peter Pasetti, Horst Tappert und anderen (B / A), die schon jetzt 8000 Käufer gefunden hat.
Heiter-Mörderisches aus dem Chicago der 20er und 30er Jahre schuf das Autoren-Duo Alexandra und Rolf Becker mit "Dickie Dick Dickens" (B / A), einer überdreht-ironischen Hörspielreihe, in der die Krimi-Klischees der 50er und 60er Jahre parodiert werden. Tatsächlich soll es eine ganze Reihe von Hörern gegeben haben, die an die Existenz von Dickens glaubten. Sprecher des kleinen, aber cleveren Taschendiebs ist der unvergessene Schauspieler Carl-Heinz Schroth.
Hörverlag-Pressesprecherin Heike Völker-Sieber beschreibt die Wirkung des Hörspiels als "faszinierend und amüsant, weil die cool-perfekten Detektiv- und Gauner-Snobs, die herrlich antiquierten Rollenklischees und liebenswert künstlichen Dialoge völlig im Kontrast stehen zu den aktuellen, mit menschlichen Schwächen ausgestatteten, quasi anstrengenden Kommissaren". Bei aller Spannung und schlimmen Taten würden die Produktionen doch eine gewisse "Heimeligkeit" ausstrahlen, in der das wahre, grausame Leben ausgeblendet werde. Ihr Fazit: "Damals war die Welt des Verbrechens eben irgendwie noch 'in Ordnung'."
Kult-Krimis sprechen zum einen das jüngere Publikum an, das sich auf der Suche nach etwas "Anderem" dem modernen Retro-Trend anschließt, aber auch eine ältere Gruppe, die die Stoffe aus ihrer Kindheit oder Jugend als Hörspiele und Schwarz-Weiß-Filme kennt. So werden im Idealfall mehrere Generationen vor dem CD-Player vereint – ein Bild, das es vielleicht vor 40 Jahren zuletzt vor den Radiogeräten gegeben hat. Völker-Sieber: "In diese Richtung gingen zumindest auch einige persönliche Rückmeldungen von Hörern."
"Kult" oder "Retro" muss übrigens nicht gleich "alt" bedeuten: Auf den DAV-Hörbüchern der "Derrick"-Reihe werden Stephan und Harry wieder lebendig, die 1998 nach 25 Jahren aus dem TV-Polizeidienst ausschieden – zum Leidwesen seiner Fans weltweit. Auf den mit nur 5,95 Euro sehr preiswerten CDs "Derricks toter Freund" (B / A) und "Ein Mord, zweiter Teil" (B / A) sind Horst Tappert, Fritz Wepper, Gudrun Landgrebe, Christiane Hörbiger und viele andere zu hören. Dass es sich in beiden Fällen im Grunde nur um die Tonspur der jeweiligen Fernsehfolge handelt, hat zusammengerechnet mehr als 20.000 Derrick-Fans nicht vom Kauf abgehalten.
Einen ganz anderen Weg geht Random House Audio mit der szenischen Lesung von "Hier spricht Edgar Wallace" (B / A), einer 5-CD-Box mit den zeitlos-gruseligen Geschichten "Der Hexer", "Der schwarze Abt", "Der Frosch mit der Maske", "Das Gasthaus an der Themse" und "Der grüne Bogenschütze" – filmmusikalisch inszeniert, mit Hörspieleffekten szenisch aufbereitet und auf phänomenale Art von Peer Augustinski gelesen. Dass die Geschichten stark gekürzt sind, fällt jedoch nicht weiter auf: "Mit den Kürzungen tut man der Vorlage keine Gewalt an", meint schmunzelnd RHA-Chef Thomas Krüger, "denn die originale Edgar-Wallace-Vorlage weist unbestritten keine literarischen Qualitäten auf."
Für alle erwähnten Kult-Krimis, auch die gekürzte Wallace-Box, gilt das Resümee von Tom Erben: "Die Geschichten funktionieren einfach – man beginnt zu hören und ist sofort gefangen."René Wagner, Mai 2004