Erfolgreiches Konzept:

Hörclubs schon an über 1000 Grundschulen

Wer richtig zuhört, lernt und versteht besser, kann sogar besser lesen und schreiben. Schon bei mehr als einem Drittel aller Kinder in Deutschland geht diese Rechnung laut PISA-Studie nicht mehr auf. Gegen diese erschreckende Entwicklung kämpft Stiftung Zuhören mit einem ganzen Maßnahmenpaket.

Zwei vermeintlich unwichtige Fragen gleich zu Beginn: Wisst ihr, wie euer Schlüssel klingt? Würdet ihr ihn unter dutzenden anderen heraushören? Dabei helfen können sicher eure Kinder, die oft genau wissen, ob Mama oder Papa nach Hause kommt – der Klangunterschied macht's. Dieses Schlüssel-Erlebnis haben die Erwachsenen, denen Katja Bergmann mit solchen und ähnlichen Hör-Spielen immer wieder gern neben den Augen vor allem die Ohren öffnet. Von 2001 bis 2006 leitete die Pädagogin, die über Hörerziehung im Deutschunterricht promoviert hat, das Projektbüro der Stiftung Zuhören in Frankfurt. Ziel der Stiftung ist es, Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, mit modernen pädagogischen Methoden positive Zuhör-Erfahrungen zu ermöglichen.

"Hören können heute die meisten Kinder natürlich schon – das heißt aber nicht, dass sie auch zuhören können", erklärt Bergmann. "Zuhören muss in der Tat gelernt werden: Woher kommt ein Geräusch? Was sagt der, der am Zimmerende spricht? Laute müssen differenziert werden für den Schriftspracherwerb und das Sprachenlernen, und man lernt besser, wenn man entsprechende Strategien hat, das Wesentliche herauszufiltern." Laut Bergmann finde eine "Geschmacksentwicklung" statt: "Die Kinder wissen sehr schnell, was gut ist und was nicht, und sie lernen, dass Zuhören mit einer Form der Zuwendung und Wertschätzung verbunden ist und größtenteils zum Gelingen von Kommunikation beiträgt."

Die Kinder, das sind die jungen Mitglieder so genannter "Hörclubs" in mittlerweile über 1000 Grundschulen in ganz Deutschland. Das Projekt wurde 1999 von der Stiftung zusammen mit dem Hessischen Rundfunk initiiert und hat in erster Linie den "Hörspaß", die "Freude am Zuhören" zum Ziel. Die Kinder haben ausdrücklich Zeit für Spiele zum Hören und zum Anhören längerer Hörspiele, über die anschließend gesprochen wird und nach denen auch Ideen zur aktiven und spielerischen Weiterarbeit umgesetzt werden. Kinder von Klasse 1 bis 4 können freiwillig und kostenlos mitmachen, die Treffen finden außerhalb des Unterrichts in eigenen Hörclub-Räumen statt – mit Teppichboden, bequemen Sitzmöbeln, Sesseln, Sofas, Matratzen, Kissen, sodass die Kinder beim Hören sitzen, liegen oder sich lümmeln können. Betreut wird das Angebot von Lehrern oder Pädagogen. Vor allem lernen die Kinder durch "Hörenmachen": In den Hörclubs ist die Lust am Hören so groß, dass die Produktion eines eigenen Hörspiels schnell auf der Wunschliste der Kinder steht.

Die Erfolge dieser Projektarbeit sprechen Bände: "Viele Kinder überraschen beim Wechsel ins Gymnasium durch überdurchschnittliche Fähigkeiten", stellt Katja Bergmann fest. "Sie sind kreativer, selbstbewusster, können sich mehr konzentrieren, Geschichten besser behalten; sie beschreiben Dinge und Sachverhalte besser, hören einander besser zu und sprechen mehr miteinander." Eine Lehrerin stellte sogar fest: "Die Schüler reden leiser und langsamer miteinander, brüllen nicht mehr aggressiv oder schlagen:" Insgesamt nehme die Sprachsensibilität zu. "Eine Schule im sozialen Brennpunkt hat einen Hörclub als Förderangebot vom 1. Schuljahr an eingerichtet. Überraschende Beobachtung: Die Kinder haben eindeutig besser lesen und schreiben gelernt als sonst."

Großen Anteil an diesen Erfolgen hat das Gehörte: Verein und Stiftung Zuhören stellen für die Hörclubs Materialpakete zusammen, die eine Schule zum ermäßigten Preis von 350 Euro erwerben können. Neben Plakaten und Clubausweisen enthalten die Pakete 40 Hörspiele als CDs oder MCs sowie das Buch "Hörspaß", das über diese Produktionen aufklärt. Der DIN A4 große Ordner, der beim Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheint, enthält alle Beschreibungen, Einteilungen nach Hör-Anforderungen, nach akustischer Umsetzung, Gattung und Themen, didaktische Hinweise für die Clubbetreuer sowie Spielanregungen für die Kinder – außerdem liegen zwei CDs mit interessanten Klängen und Geräuschen bei.

Was sind überhaupt gute Hörbücher für Kinder? "Solche, die akustisch gut gemacht sind, die zum Beispiel einen Raum entfalten, Tiefgang haben, zum Nachdenken anregen, aber dabei unterhaltsam sind", erklärt die Projektleiterin. "Wichtig ist für uns, dass sie zum Kreativsein anregen." Die empfohlenen Hörbücher bekommt die Stiftung von den Hörbuchverlagen, die angesichts großen Interesses an der Stiftungsarbeit für die Medienpakete einen speziellen Rabatt einräumen.

"Das richtige Zuhören geht heutzutage immer mehr unter", meint auch Bernd Rachhel, Programmleiter des Verlagsbereichs Psychologie bei Vandenhoeck & Ruprecht. "Es ist zum Beispiel eine gesicherte Erkenntnis, dass Legasthenie durch schlechtes Zuhören zunimmt." Im Rahmen eines Programms zur Frühförderung, das der Verlag schon vor neun Jahren gestartet hat, erscheint die "Edition Zuhören" – auch in Zusammenarbeit mit der Stiftung Zuhören. Band 2 liefert den besagten "Hörspaß" für die bundesweiten Hörclubs, die Bände 1, 3 und 4 fundierte Fachinformationen für Psychologen und Pädagogen, Wissenschaftler, Lehrer, Architekten und Therapeuten. "Die Rückmeldungen zu den Titeln sind überaus positiv", stellt Rachhel fest. Und Katja Bergmann fügt hinzu: "Der Hörspaß-Ordner ist wie ein Rezeptbuch: Man kauft es und kann im Prinzip loslegen. Die anderen Bände sind wissenschaftlicher und werden viel zitiert in Facharbeiten. Band 3 wird gelesen, um die Räume akustisch umzugestalten bzw. sich mit dem Problem des Lärms in Räumen auseinanderzusetzen."

Bergmanns größtem Wunsch, "dass die Menschen einander mehr zuhören", kommen Stiftung und Projektpartner täglich einen Schritt näher. 2005 fand die erste bundesweite Hörclub-Konferenz statt, auf der alle Verantwortlichen in den Ländern ihr Wissen zusammengetragen und ausgetauscht haben. Regelmäßig finden Seminare und Workshops für Lehrer und Führungskräfte statt, Vorträge z.B. auf der Bildungsmesse oder den Medientagen in München, Wettbewerbe wie "Ohr liest mit", "Tatfunk" und "Earsinn", sogar Gespräche in fast allen Kultusministerien. "Das hat zum Teil schon Wirkung gezeigt", freut sich Katja Bergmann. "In Sachsen etwa wurde das Zuhören in den Lehrplan der Grundschule aufgenommen."

René Wagner – im Juni 2005, aktualisiert: Oktober 2007


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