Deutsche Grammophon feiert Jubiläum:
Vor 50 Jahren erschien das erste deutsche HörbuchHerbst 1954: "Faust I" erscheint in der legendären Inszenierung von Gustaf Gründgens auf damals gerade erst eingeführten Langspielplatten. Die älteste Schallplatten-Marke der Welt, die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DG), blickt auf ein Halbjahrhundert-Jubiläum im Herbst 2004.
Seitdem hat die DG in kontinuierlicher Folge klassischer, aber auch moderner Dichtung und Literatur Stimme und Klang gegeben, zu Gehör gebracht von den profiliertesten Schauspielern und Sprechern der Jahrzehnte oder durch das gesprochene Wort der Autoren selbst. Im Laufe der Jahre sind so – ohne Kinder- und Jugendprogramm – 1500 (!) Aufnahmen entstanden.
Anlässlich des Jubiläums ist die bedeutende Gründgens-Produktion, die der Anfang der bis heute bestehenden DG-Reihe "Das literarische Archiv" war, in neuem Artwork als Jubiläumsausgabe erhältlich: "Faust I" von 1954 (Infos: Buchsv / Amazon) und "Faust II" (B/A) in der Hamburger Fassung von 1957.Neue Technologie – neue gestalterische Dimension
Auf der Funkausstellung 1951 überraschte die DG mit einem Startprogramm damals noch kaum gängiger Technologie: Zwölf Langspielplatten wurden vorgestellt. Mit klassischer Musik in Neuaufnahmen – unter dem gleichfalls neuen gelben Etikett. Zwar konnte die damals – auch bei dieser Firma – noch dominierende zerbrechliche 78er Schellackplatte (Umdrehungen pro Minute) mit allen Vorzügen einer fortschreitenden Mikrofontechnik aufwarten. Aber nur mit einem nicht: mit einer verlängerten Spieldauer. Dazu war ihr Rillenschnitt zu breit und zu tief (aufgrund der bei Verbrauchergeräten bis dato üblichen Stahlnadel-Abtastung). Erst die "Mikro"-Rille machte es möglich – im Gegensatz zur alten "Normal"-Rille (die dieses Attribut heute freilich nicht mehr beanspruchen kann) – und schließlich eine bislang auf dem Markt unbekannte Umdrehungszahl: 33 UpM. Die Langspielplatte gestattete nicht nur, klassische Musik ungekürzt auf Platten zu bringen. Auch Theaterstücke konnten nun in ihrer Originalfassung wiedergegeben werden.
Ein künstlerisches und kaufmännisches Wagnis
Zu eben diesem bedurfte es bei der DG: einer Frau! Und was für einer: Prof. Elsa Schiller – "eine bemerkenswerte Frau", wie es "Knaurs Weltgeschichte der Schallplatte" (1966) betont, war 1952 zur Firma gekommen als Programmdirektorin für Ernste Musik und bald, wie es damals hieß, für Sprechplatten. Elsa Schiller selbst übrigens verriet beim Sprechen – im Gegensatz zu ihrem ans klassische Deutsch gemahnenden Namen – den Charme leicht ungarischer Tonfärbung. Die Alliierten hatten sie, die den Krieg in einem Konzentrationslager überlebte, zunächst zum RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) in Berlin berufen, in die Leitung der Abteilung für klassische Musik. Denn ehemals war Elsa Schiller als Konzertpianistin aktiv gewesen. Ein Jahr, nachdem sie als neue Programmchefin begonnen hatte, bei der Deutschen Grammophon ihres Amtes zu walten, also 1953, sah der Jahresumsatz der deutschen Schallplatten-Industrie wie folgt aus: 17 Millionen Platten wurden produziert und 15,5 Millionen davon verkauft. Die 78er Schellackplatte hielt mit 88% des Gesamtumsatzes noch immer die Spitze.
Desto größer das Wagnis, künstlerisch und kaufmännisch, ein Vorhaben außerordentlichen Umfangs für das literarische Programm zu starten: mittels der neuen Kunststoff-Langspielplatte und ihren inhaltlichen Möglichkeiten. Bisherige Literatur-Veröffentlichungen (auf 78ern) besaßen in der Umsatzbilanz nur einen marginalen Stellenwert. Das neue Projekt aber verlangte erhebliche Investitionen. Immerhin begeisterte sich Frau Schiller hartnäckig dafür, Johann Wolfgang von Goethes "Faust I" herauszubringen. In der Düsseldorfer Inszenierung von Gustaf Gründgens, die bereits für Furore gesorgt hatte – komplett, als Gesamtaufnahme auf dem neuen schwarzen LP-Diskus, 6 Plattenseiten lang.
Die Aufnahmen fanden vor Ort statt, im alten Düsseldorfer Schauspielhaus, in der Zeit vom 6. bis 9. Mai und 16. bis 18. Juni 1954. Vornehmstes künstlerisches Ziel dabei bleibt es, die Lebendigkeit der Originalaufführung einzufangen; Es geht um ein – wie für diese Neuerscheinung der Werbetext formuliert – "Hörerlebnis, das ohne Umwege durch die eindringliche Kraft des Wortes unser Herz erreicht".
Auf rund 40.000 Mark beliefen sich die Produktionskosten. Die Kassette wird zuerst zu 69 Mark, dann zu 75 Mark verkauft; ein besserer Durchschnittslohn in der jungen Bundesrepublik jener Zeit beträgt 350 Mark im Monat. Und wer, so wird gefragt, gibt soviel Geld aus, um den Faust I auf Platten zu hören? Sehr viele, wie sich herausstellt: Im Verlauf der nächsten Jahre werden 50.000 Kassetten verkauft – ein Weltrekord für Literatur-Aufnahmen. Bis heute sind es weit über 250.000 Tonträger dieser Aufnahme.
Dieser Erfolg wird später von dem Musik- und Filmschriftsteller Curt Riess, Re-Emigrant nach dem Ende der NS-Jahre, in aufrichtiger Bewunderung zurückgeführt auf den Regisseur und Darsteller des Mephisto: "Der Mann, der, wann immer er die Bühne betrat, eine Garantie für ausverkaufte Häuser war, ein Star par excellence, einer der wenigen, die es je gegeben hat: der in jeder Beziehung große, geheimnisvolle, faszinierende Gustaf Gründgens."
Auf die Düsseldorfer Inszenierung 1954, mit Paul Hartmann als Faust, folgte dann 1959 der Faust II in Gustaf Gründgens' Hamburger Aufführung, diesmal mit Will Quadflieg als dramatischer Widerpart. Sie kam anschließend gleichfalls bei der Deutschen Grammophon zur Tonveröffentlichung.Auf dem Grund der Tradition – Literatur, die schon früher guten Klang besaß
Mitte der 50er Jahre war allmählich jene Zeit vorüber, wo infolge der kürzeren Spieldauer der 78er Schellack-Schallplatte z.B. die Sätze einer Symphonie "zerhackt" werden mussten. So begann mit der verlängerten Spieldauer ein neues Zeitalter der Ton-Aufzeichnung – und damit endlich die Chance, "Hör-Bücher" im Wortsinne zu erstellen, wo es bislang nur "Exzerpte" gab. Bislang: denn freilich wurde das dichterische Wort (parallel zur Geschichte der Schallplatte) weitaus früher schon aufgezeichnet – und zum Produkt des Tonträger-Marktes. Aber bereits zur jener Zeit erlebte es selten eine so bewusste Pflege wie bei der Deutschen Grammophon.
Noch vor der 1926 erfolgten Einführung der elektrischen Mikrophonaufnahme konnte die DG mit Stolz "mechanisch-akustische" Sprachaufnahmen anbieten, darunter viele Plattenseiten, die folglich noch in den Aufnahmetrichter gesprochen worden waren: von so legendären Schauspielern des frühen 20. Jahrhunderts wie Joseph Kainz, gefeierter Mime des Wiener Burgtheaters. Oder Alexander Moissi, der durch den Regisseur Max Reinhardt zu seiner Berühmtheit gelangte. Und die noch auf 4 bis 5 Minuten limitierte Aufnahmedauer beförderte die heute selten gepflegte Kunst der Deklamation sogar zu neuer Blüte: jene dramatisch gesteigerte Vortragsweise, die gegenwärtigen Hörgewohnheiten freilich entsprechend pathetisch, ja veraltet erscheinen mag.
Auch der Name eines Pioniers jenes rezitatorischen Genres für die Schallplatten-Aufnahme verbindet sich eng mit der DG: Dr. Ludwig Wüllner, jener heute leider fast vergessene Rhapsode, der es seinerzeit "wie kaum ein anderer vor ihm verstand, in unseren Herzen die Liebe und Achtung vor dem Dichterwort wach zu halten", wie es 1938 im Nekrolog auf diesen Künstler "Die Stimme seines Herrn" resümierte, die damals monatliche Kundenzeitschrift der alten Deutschen Grammophon Gesellschaft, Berlin.
Aber neben der aus kultureller Verantwortung hier langjährig gepflegten klassischen Dichtung war man bei der Deutschen Grammophon bereits hellhörig für die jüngeren Kräften Deutscher Literatur. So wurde 1929/30 begonnen mit der Reihe "Dichterstimmen der Gegenwart", die dem gemäß Autoren mit ihren Texten vors Mikrophon holte. Diesen Schellackscheiben war leider (nicht zuletzt aufgrund der beginnenden Weltwirtschaftskrise) ein derart bescheidener Umsatz beschert, dass sie heute zu den großen Raritäten unter den frühen Literaturplatten zählen. Hier waren aus ihren Werken u.a. zu hören: der Expressionist Theodor Däubler, der Dramatiker Carl Zuckmayer, ferner Rudolf G. Binding oder Ina Seidel. Kurzum: Literatur in der Geschichte der DG ist inzwischen selbst ein Stück Literaturgeschichte.Vom Grundstein des Erfolgs – zur Entstehung des "literarischen Archivs"
Der bahnbrechende Erfolg der 3er-LP-Kassette des Faust I 1954 bereitete den Boden für neue und großzügig ausgestattete Veröffentlichungen im Folgejahr, dem offiziellen Schiller-Jahr 1955. Für die Deutsche Grammophon bekam es eine Doppelbedeutung: So konnte die Klassik-Programmdirektorin gleichen Namens nicht nur erfolgsgestärkt an die Fortsetzung und Erweiterung des literarischen Programms gehen. Auch durfte Elsa Schiller zu ihrer Entlastung und Assistenz den Schauspieler Ernst Ginsberg aus Zürich holen (dorthin nach 1933 emigriert als gebürtiger Berliner), der bis 1960 für die Literatur bei der DG verantwortlich zeichnete.
Zum genannten Feierjahr nun erschien als zweite LP-Kassette die hochkarätig besetzte Produktion der Salzburger Festspiele von Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" – Will Quadflieg gab darin als Ferdinand sein DG-Debut (Infos: Buchsv / Amazon). Maria Schell war seine Luise. Heidemarie Hatheyer, Ewald Balser und Erich Ponto zählten zum Ensemble.
Mit Ernst Ginsberg als Programmleiter reifte der ehrgeizige Plan, eine eigenständige Literatur-Reihe zu etablieren. Sie erhielt ab 1957 inhaltlich und äußerlich ihre Gestalt: das "Literarische Archiv" der Deutschen Grammophon öffnete seine Pforten, das als Programmreihe bis heute konsequent fortgesetzt wird. Zum einheitlichen Erscheinungsbild erkor man ein lichtes Hellgrün.
Wieder kamen bei der DG, gleich beim Erscheinen dieser Reihe, bedeutende Autoren zu Wort: posthum zu vernehmen war die Stimme von Gottfried Benn (gest. 1956) mit eigener Lyrik und Prosa sowie die von Thomas Mann (gest. 1955) mit seinem "Versuch über Schiller" und Passagen des Romans "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (B/A).
Weiterhin wurde die begonnene Aufgabe verfolgt, mit der Dokumentation von vieldiskutierten Inszenierungen des Sprechtheaters bleibende Kulturwerte zu übermitteln. Diese jedoch suchte Ernst Ginsberg ansonsten zumal in früheren Epochen deutscher Literatur. So verwendete er sich für die Wiederentdeckung und Würdigung deutscher Dichtung des Barock, auf die er auch als Schauspieler sein rezitatorisches Gestaltungsinteresse richtete.
Eine akustische Handbibliothek der Weltliteratur zu etablieren, das galt Ernst Ginsberg als Ziel am Horizont seines editorischen Beginnens. Aber seine Verpflichtungen als Darsteller und eine schleichende Krankheit warfen bald ihre Schatten darüber. Dies nötigte ihn zu dem Entschluss, sich einen Nachfolger bei der Deutschen Grammophon zu suchen. Und der wurde 1960 gefunden in einem gerade 30-jährigen Mitarbeiter, der Werbemann war, studierter Germanist und vor allem besessen vom Theater: der gebürtige Ungar Pali Meller Marcowicz.Von großer Kunst – und Größen der Kleinkunst
Zwar besaß Pali Meller Marcowicz trotz ungarischer Abkunft nicht die Sprachfärbung seiner Landsmännin Elsa Schiller. Aber er brachte einen neuen Akzent in das Literatur-Programm der Deutschen Grammophon. Gerade zur richtigen Zeit, als zu Beginn der 60er Jahre das Interesse an einer schöpferischen Rückbesinnung auf moderne Traditionen der Weimarer Ära von sich hören ließ, so z.B. beim literarischen Kabarett oder einige Zeit später auf der Theaterbühne, mit einer verstärkten Rezeption Bertolt Brechts, empfing das Literaturprogramm bei der Deutschen Grammophon durch seinen neuen Leiter komplementäre Impulse – und gab sie in einer Repertoirelinie hochwertiger neuer Einspielungen an wachsende Publikumskreise weiter.
Nicht die Dichtung um ihrer selbst willen, sondern die Interpretation von Dichtung rückte fortan in den Mittelpunkt der Programmgestaltung. Die Literatur-Aufnahme wurde begriffen als Summe der Leistung des Dichters und des Votragenden: "des ausdeutenden, gestaltenden, hörbar machenden Interpreten." (Marcowicz, 1963).
Mit der Interpretation als Kunstgattung wuchs das Repertoire-Interesse an der literarischen Kleinkunst. Eine neue Größe im Programm. Dieses Gebiet bot nicht nur stärkste gestalterische Möglichkeiten. Auch hatte es seine "Klassiker" – manche von bewährtem, andere von nahezu vergessenem Rang: der unvergleichliche Schauspieler, Tänzer und Komiker Curt Bois, die Diseuse Kate Kühl oder die Altmeisterin des Chansons, der Café-Society Vorkriegsberlins, Trude Hesterberg: Sie alle bannte in dieser ihrer späteren Schaffensphase der junge Programmleiter auf jene schwarzen Scheiben, die eben auch eine Welt bedeuten.
Der Schauspieler Rudolf Forster las hier Autobiographisches aus "Das Spiel mein Leben", Hubert von Meyerinck offenbarte seine Lebenserinnerungen "Meine berühmte Freundinnen". Zu denen zählte die schlanke, herbe Margo Lion – 1928 hatte sie mit einer Partnerin namens Marlene Dietrich u.a. das eindeutig zweideutige Couplet "Wenn die beste Freundin" in der Spoliansky-Revue "Es liegt in Luft" gesungen –, um gleichfalls bei der Deutschen Grammophon eine LP gewidmet zu bekommen. Nicht minder fanden Chanson-Einspielungen von Greta Keller (gebürtige Wienerin, Vorkriegsberlinerin, später Wahl-New Yorkerin) oder von Blandine Ebinger, der Muse Friedrich Holleanders, ihren Weg in den Katalog.
Neben dieser Avantgarde der 20er Jahre, kamen die Stars des Deutschen Kinos und nicht zuletzt jüngere Bühnenkünstler mit literarischer Rezitation zu Wort: ob Grande-Dame Lil Dagover, Ufa-Star Grethe Weiser, Charaktermime O.E. Hasse oder Hildegard Knef, Oskar Werner und Klaus Kinski.
Das ästhetische Potential der historischen Größen deutscher Kleinkunst übrigens hatte längst Bedeutung erhalten für die Identitätsbestimmung des jungen Kabaretts der Bundesrepublik, für dessen kritische wie für die poetische Richtung. Beide erhielten bei Deutsche Grammophon Literatur Redezeit: Die Münchner Lach- & Schießgesellschaft und Dieter Hildebrandt, genauso wie Hanne Wieder oder ein junger Hanns Dieter Hüsch.
Ab 1965 war die Deutsche Grammophon daran gegangen, sich dem Werk Bertolt Brechts zu widmen, um hierfür auf ihren Platten um Gehör zu bitten: Die LP "Ein Bertolt Brecht Abend mit Therese Giese", der schauspielerischen und rezitatorischen Hausmarke Brechts, erbrachte der Deutschen Grammophon Literatur 1967 zum ersten Mal den Deutschen Schallplattenpreis.Sprechtheater zum Hören – und "unerhörte" Literatur
Insgesamt erschienen bis 1970 vier weitere Folgen von "Ein Bertolt Brecht Abend". Zweifellos ein unschätzbares Dokument für alle langjährigen Verehrer und womöglich künftigen Interpreten seines Vermächtnisses moderner Literatur und epischen Theaters.
Nachdem die Ära Marcowicz 1970 zu Ende gegangen war, verknüpfte sich der Name der Therese Giese schon bald, nämlich 1972, wieder mit einem Deutschen Schallplattenpreis für die DG Literatur: Gewürdigt wurde damit die unter dieser Wort-Schutzmarke akustisch dokumentierte Peter-Stein-Inszenierung von Bertolt Brechts "Die Mutter" – mit des Dichters genannter Interpretin in der Hauptrolle – und dem mittlerweile historischen Ensemble der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin.
Letztere damals durch einen scheinbar unverrückbaren "Eisernen Vorhang" durchtrennte Kulturmetropole bewies bei der Deutschen Grammophon weiterhin Ausstrahlung genug, um hierher 1971 eine ganz andere Mutter zu entsenden. Sowohl für die Literatur wie für das Klassik-Departement (bis 1978) zuständig, darf sie – angesichts weiterer Deutscher Schallplattenpreise – auch als eine Mutter des Erfolgs gelten: die Berlinerin Dorothee Koehler. Dank ihrer Arbeit konnte beispielsweise 1973 erneut ein Deutscher Schallplattenpreis eingeheimst werden: für die tondokumentarische Präsentation von Samuel Becketts "Das letzte Band", in der Inszenierung des Autors am auch schon historischen Berliner Schiller-Theater.
Mit Dorothee Koehler konzentierte sich die Produktion weitgehend auf die ursprüngliche Idee der Dokumentation von zeitgenössischem Theater – ausgewählt unter dem Aspekt der Maßstab setzenden Regie und Interpretation – und freilich auf die sorgsame Fortführung des traditionellen Wortrepertoires. Feines Gehör bewies die Programmleiterin jener Jahre außerdem für die neue deutsche Literatur. Und festgehalten wurde diese auf Platten der Deutschen Grammophon – mit Texten samt Stimmen der Botho Strauß, Christa Wolf, Gabriele Wohmann oder Günter Kunert."Festreden" oder: sich fest reden – ein Cartoonist ergreift das Wort
Als das erste Vierteljahrhundert seit dem Beginn der DG Literatur zurücklag – das 25-jährige Jubiläum war 1979 zu feiern –, da stand seit kurzem erst ein Name im Repertoire, der seine weitreichende Medienpräsenz, ob durch das Fernsehen oder Printerzeugnis, seitdem exklusiv von den DG Hörbüchern flankieren lässt. Ein Künstler, der auch Klassiker zu parodieren vermag, ohne deren Größe dem Humor zu opfern, und selbst zu einem großen Klassiker der Gegenwart emporwuchs: Vicco von Bülow alias Loriot. Seit dem Erscheinen von "Loriots Heile Welt" 1978 hielt mit jedem seiner Titel im Folgejahrzehnt Einzug ins DG-Repertoire: verfeinerte Komik, subtile Ironie und manche hauchzart-absurde Pointe (B/A).
So folgten seit 1980 auf "Loriots Dramatische Werke" ein Jahrzehnt hindurch erfolgreiche DG-Veröffentlichungen, bis dem Bild- und Wortkünstler dann 1991 von der Deutschen Grammophon – in Anerkennung seines Schaffens auf ihren Tonträgern – das "Goldene Grammophon" verliehen werden konnte. Weitere seiner Hörbuch-Publikationen sind inzwischen entstanden und garantieren, dass die Loriot-Fans weiter begeistert die Ohren bei der DG Literatur spitzen dürfen.Der Erfolg spricht Bände – große Romane und Erzählungen
Während das erste von Emil Berliner konstruierte "Grammophon", Schutzmarke der Firma, hier als Symbol bei Preisverleihungen fortlebt, stand die weitere Entwicklung der Trägermedien dazu freilich in vergleichsweise immer schärferem Kontrast. So hatte zunächst mit der Einführung der Langspiel-Cassetten (90 Minuten) die zeitliche Aufnahmekapazität Ende der 70er Jahre wiederum beträchtlich zugenommen. Diese Entwicklung setzte sich gut ein Jahrzehnt später fort: mit der neu hinzukommenden CD (Compact Disc) samt deren platzsparender Handlichkeit.
Der Begriff "Hörbuch" wurde allmählich ganz und gar wörtlich genommen. Das signalisierte allein die Gestaltung des Produktdesigns. Die neuen Langspiel-Cassetten erschienen nun Werk für Werk im Buchschuber. Sie fanden auf diese Weise in den Bücherregalen bequem Platz neben der jeweils gedruckten Literatur. Das waren Zeichen, die auf weitere die Entwicklung verwiesen, und die verlief zu den großen Romanen der Weltliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts in epische Breite.
"Ein weites Feld", um Theodor Fontane zu zitieren, öffnete sich dem Kunden. Und da gab es viel für ihn zu ernten, z.B. die gesammelten Werke des Zitierten in fortlaufenden Hörbuch-Ausgaben: Insgesamt 10 Romane von "Vor dem Sturm" bis zum "Stechlin", die bis heute allesamt unter dem gelben Klassiker-Etikett erhältlich sind. Und auch das erzählerische Werk von Thomas Mann erfuhr eine wortkünstlerische Wiedergabe bleibenden Wertes.
Diese editiorische Epoche begann ab 1987: Die Reihe basierte weitgehend auf den Produktionen des NDR, die seit 1963 vom "Vorleser der Nation" mit sowohl langem Atem als auch atemberaubender Kontinuität geleistet wurden – von Gert Westphal: "Ein einziges gigantisches Kopf-Theater; Mundwerk wird Hirn-Stück. Westphal zaubert Sinneswandlung: Man hört ihm zu – und sieht, was man hört. Jede Figur kriegt ihre vokale Marotte, tritt wie aufs lautmalende Stichwort auf die Szene." (Gerhard Stadelmaier, Frankfurter Allgemeine Zeitung). Kein Wunder, dass sich für Hörbuch-Gesamtausgaben wie die des erzählerischen Werks von Thomas Mann, gelesen mit "des Dichters oberstem Mund" (Katia Mann), sprich Gert Westphal, die Formel etablierte: Sprachkunstwerke als Sprechkunstwerke! Nach den "Buddenbrooks" (B/A), "Doktor Faustus" und der Trilogie "Joseph und seine Brüder" bildete schließlich der "Zauberberg" – auf sage und schreibe 14 Langspiel-Casetten - den krönenden Abschluss des Mann'schen Zyklus.
Der Leiter des "Kulturellen Worts" beim NDR, Hanjo Kesting, fungierte als Herausgeber der Reihe. Seitens der DG Literatur war es der leider zu früh gestorbene Bernd Plagemann, der die titanische Aufgabe betreute. Diese Hörbuch-Ausgaben, die jeweils schon vor ihrem Erscheinen aufgrund der NDR-Funklesungen starkes Publikumsinteresse wachriefen, konnten bis zum Ende der 90er Jahre fortgesetzt werden.Die DG Literatur im Jubiläumsjahr 2004
Die Deutsche Grammophon als fester Bestandteil der Universal Music GmbH, bis 2002 in Hamburg, heute Berlin, wurde mit ihrem reichen Fundus an klassischer Musik und gesprochener Literatur der Operation Company "Classics and Jazz" zugeordnet. Im Zuge der Konzernneuordnung wanderte der gesamte Katalog mit ca. 1000 Aufnahmen des Kinderprogramms zur Operation Company "Family Entertainment" der Universal Music GmbH. In den 90er Jahren hatten besonders Michael Schneider und Günter Adam Strößner diesem Programmbereich zur Blüte verholfen und neben klassischer Literatur unter dem Label DG Junior etabliert.
Im Jubiläumsjahr 2004 blickt die DG Literatur freilich nicht nur zurück auf eine reichhaltige Historie. Sie legt nach 50-jähriger Tätigkeit mit Stolz ihren neuen Katalog vor. Er enthält das abwechslungsreichste und umfangreichste Programm, das hier je lieferbar war. Mittlerweile waren zeit- und kulturgeschichtliche Sachthemen hinzugkommen. So in der Abteilung "Wissen und Geschichte" oder der "Wege Edition": Sie eröffnet mit didaktischen Mitteln Wege z.B. in die Geschichte der abendländischen Philosophie oder Literatur. Aber auch musikalische Welten kommen zur Sprache: "Musik und Worte" führt von geistlichen Welten eines Heinrich Schütz und Martin Luther bis zu Romaneinlesungen von Pop- & Rockgrößen.
Kurz: Die Rubriken sind gewachsen und mit ihnen der Katalogumfang, der dank des reichen Fundus eines halben Jahrhunderts kontinuierlicher Tätigkeit angefüllt ist mit Literatur-Einspielungen verschiedenster Zonen und Zeiten. Diese verstärkte Herausgabe moderner deutscher und internationaler Autoren markiert seit 2002 – mit dem Umzug der UNIVERSAL von Hamburg nach Berlin – zugleich einen Neubeginn der DG Literatur in der alten Heimatstadt der Deutschen Grammophon Gesellschaft.
Im Sommer 2002 erlebte die DG Literatur auch intern eine Neuausrichtung. Verantwortlich dafür zeichnete Thorsten Wessel als Director of Finance and Literature in seiner Doppelfunktion als kaufmänischer Leiter von UNIVERSAL Classics and Jazz und Verlagsleiter der DG Literatur. Im September 2002 kam Bert Petzold als Produktmanager hinzu, ihm obliegt heute die Programmleitung.
Seither wurde das Gesichtsfeld auch für jüngeres Hörpublikum weiter gespannt – und noch spannender: Von Haruki Murakami, der gegenwärtig als einer der wichtigsten Autoren Japans gilt ("Gefährliche Geliebte"), bis zu Rocko Schamoni ("Risiko des Ruhms"), der grüßen lässt von der sogenannten Hamburger Schule.
Aus den neuesten Hör-Publikationen ragt zweifellos die tonliche Gesamtausgabe eines Schauspielers und Wortartisten heraus, die erstmals vollständig gesammelt – aus entferntesten Archiven und Privatbeständen – vorliegt: von Klaus Kinski, moderner Mythos der Mimen, auf 20 CDs (mit über 1000 Minuten). Die Großedition "Klaus Kinski spricht Werke der Weltliteratur" (B/A) konnte in erfolgreicher Zusammenarbeit mit der Klaus Kinski Productions realisiert werden. Der Erfolg lies nicht lange auf sich warten: Die Jury der hr2-Hörbuch-Bestenliste kürte die Produktion zum Hörbuch des Monats November 2002 und später zum Hörbuch des Jahres 2003.
Eine weitere Programmspreizung wurde mit der aus der Welt der klassischen Musik bekannten Budget-Serie ELOQUENCE im Frühjahr 2004 vorgenommen. Seit 1998 am Markt etabliert als erfolgreichste Klassik-Serie – mit Top-Aufnahmen zu attraktiven Preisen –, erweiterte ELOQUENCE sein Repertoire um Klassiker der Weltliteratur in Top-Aufnahmen. Für 5 Euro pro CD: Goethe, Schiller, Shakespeare & Co. Zum Jubiläum wurde die Serie erweitert, denn als Motto gilt: "50 Aufnahmen aus 50 Jahren". Autoren und Sprecher von Rang betreten erneut die Bühne.
Ferner öffnete sich im März 2003 dem interessierten Besucher die Homepage der DG Literatur unter www.dg-literatur.de. Dort kann in jeden Track bis zu eine Minute hineingehört werden. Weiterhin ging es an die Umstellung des Katalogs auf downloadbare Files/Tracks mit elektronischem Artwork.Fazit
"Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", sagt der Direktor im "Vorspiel auf dem Theater" von Johann Wolfgang von Goethes Faust I, dem dramatischen Ur-Stoff deutscher Sprache, mit dem auch die Geschichte des Hörbuchs der Deutschen Grammophon 1954 begann. Und dass Goethes Wort, wie die letzten 50 Jahre hindurch, ebenso für die jetzigen Hörbuchmacher der DG Literatur gelten möge, das ist nicht nur zum Jubiläum 2004 zu wünschen, sondern auch in Zukunft. Gilt es doch in diesen Jubiläumstagen, das künstlerisch gesprochene Wort in die nächste Mediengeneration, nämlich in die der virtuellen Möglichkeit, hin zum digitalen Download zu führen.